Über Umwege
zum Koch

Zweiter Bildungsweg: Koch

Was haben betriebliche Altersvorsorge, die Immobilienbranche und eine Kochlehre gemeinsam? Richtig – auf den ersten Blick mal gar nichts. Doch Urs Seiler, Küchenchef in der Piano Bar Innsbruck, ist genau diesen Weg gegangen. Warum er eigentlich nie in der Gastro arbeiten wollte, mit Mitte 40 nun doch eine Kochlehre macht und gemeinsam mit seinem Sohn für die Lehrabschlussprüfung lernt, verraten wir in diesem Beitrag.

Rockstar statt Koch

Unverhofft kommt (bekanntlich) oft. Davon kann auch Urs Seiler ein Lied singen. Als seine Eltern 1982 die Piano Bar in Innsbruck eröffneten, war er gerade einmal sieben Jahre alt. „Ich bin quasi in der Gastro aufgewachsen“, erinnert sich der heute 44-Jährige zurück. Und wie es für Familienbetriebe üblich ist, packte er schon früh im elterlichen Lokal mit an. „Mit 15 habe ich angefangen neben der Schule im Service auszuhelfen. Ein paar Jahre später, mit 19, stand ich dann zusammen mit meinem Vater in der Küche.“ Trotzdem kam eine Ausbildung in der Gastro oder Hotellerie für Urs nicht in Frage. „Meine Eltern wollten zwar, aber ich habe mich mit Händen und Füßen gewehrt. Ich wollte damals lieber Rockstar werden“, kann er heute über seine Entscheidung lachen.

Ein Leben ohne die Piano Bar?

Stattdessen zog es Urs nach der Matura in ein BWL Studium, 2003 dann in ein Versicherungsunternehmen. „Dort war ich als Spezialist für betriebliche Altersvorsorge, Lebensvorsorge und Finanzdienstleistungen tätig. Zum Schluss dann auch im internationalen Vertriebsmanagement“, erklärt der Innsbrucker. Viele Jahre und weitere Jobs später, wie etwa in der Unternehmensberatung oder Begleitung von Digitalisierungsstrategien bei KMUs, folgte die Umschulung und Selbstständigkeit in der Immobilienbranche. Als dann Anfang 2019 sein Vater und die damals angestellte Köchin aus gesundheitlichen Gründen ausfielen, kam der Wendepunkt. „Mein Vater rief mich eines Tages an und fragte, ob ich im Lokal aushelfen könnte. Es war klar, dass wir so schnell keinen neuen Koch finden würden. Ich wusste, dass ich ohne die Immobilienbranche leben könnte, aber ohne die Piano Bar? Das war undenkbar!“, betont der Küchenchef.

Vom Immobilienmakler zum Koch

Im April 2019 hat er schließlich Geschäftsfeldentwicklungen gegen den Küchenherd eingetauscht und ist nun Vollzeit als Koch in der Innsbrucker Piano Bar angestellt. Und bereut es keine Sekunde: „Ich liebe es mit meinen Händen etwas zu schaffen. Das Verarbeiten der Lebensmittel, das Feedback und Lob der Gäste – dafür brenne ich!“ Gemeinsam mit seinen Eltern, seiner Tochter, Schwester und Nichte sowie zwölf weiteren Angestellten sorgen sie tagtäglich für zufriedene Gäste. „Wir sind ein Drei-Generationen-Betrieb. Das ist zwar nicht immer leicht, aber der Zusammenhalt bei uns ist unschlagbar. Auch unsere Mitarbeiter sind für uns wie Familienmitglieder“, bestätigt Urs. Für alle sei es wichtig, dass das Lokal ein erfolgreicher Familienbetrieb bleibt. Damit das gelingt, müsse man ständig an der hohen Qualität arbeiten. Dazu gehören auch Aus- und Weiterbildungen, ist sich der Koch sicher.

Kochlehre am WIFI

„Ich habe eine Vision, ein klares Ziel vor Augen: Mit 50 möchte ich Meisterkoch sein. Doch ich habe das Handwerk nie richtig gelernt. Es war an der Zeit, das zu ändern!“, erklärt der 44-Jährige. Nur kurze Zeit, nach dem Einstieg in den elterlichen Betrieb, entschied sich Urs am WIFI Innsbruck für eine Fachausbildung als Koch. „Meine Familie war zunächst skeptisch und dachte sich ‚Was macht er denn jetzt schon wieder?‘, aber sie haben mich von Anfang an unterstützt“, freut er sich. Binnen 18 Monaten können die Teilnehmer so ihren Lehrabschluss als Koch/Köchin auf zweitem Bildungsweg machen. Die Ausbildung vermittelt dabei fachkundiges Wissen mit hohem Praxisanteil und richtet sich sowohl an Einsteiger als auch Quereinsteiger. „Die Lehre am WIFI lässt sich sehr gut mit dem Job kombinieren. Das ist natürlich ein großer Vorteil“, bestätigt Urs die Vereinbarkeit von Lehre und Beruf.

Vater und Sohn in der Gastro

Dank seiner vorherigen Ausbildungen und Berufserfahrung werden seine Vorkenntnisse angerechnet. „Deswegen habe ich auch keine klassischen Präsenzzeiten am WIFI. Die Theorie bzw. Bücher und Unterlagen studiere ich von Zuhause aus. Nur für vier Tage muss ich dann am WIFI sein zur Vorbereitung auf die Lehrabschlussprüfung,“ erklärt der Koch. Und die wird er gemeinsam mit seinem 19-jährigen Sohn verbringen. Denn er macht ebenfalls eine Lehre am WIFI – als Restaurantfachmann. „Das ist schon etwas ungewöhnlich, Vater und Sohn, die gleichzeitig eine Ausbildung in der Gastro machen. Aber er findet es zum Glück ganz cool, dass ich mich mit Mitte 40 noch für eine Lehre entschieden habe. Wir werden dann auch gemeinsam für die Lehrabschlussprüfung lernen und uns gegenseitig unterstützen. Dann wird’s auch mit dem Lehrabschluss klappen“, zeigt sich Urs optimistisch.

Weiterbildung zahlt sich aus

Neben seinem Ziel – Meisterkoch mit 50 – möchte Urs in Zukunft auch sein Wissen weitergeben und andere mit seiner Geschichte motivieren. Sein Tipp an alle Gleichgesinnten: „Fortbildung hat nichts mit dem Alter zu tun. Man braucht lediglich eine Vision, ein Ziel, auf das man hinarbeitet, eine Leidenschaft. Es muss Spaß machen, egal wie alt man ist. Wenn man nicht zufrieden ist, dann muss man was ändern. Und wenn man seine Leidenschaft gefunden hat, dann sollte man daran festhalten. Eine Ausbildung lohnt sich immer. Die Entscheidung sollte aber vor allem auch aus dem Herzen und Bauch heraus getroffen werden.“ Und manchmal braucht es eben Umwege, um seine Leidenschaft zu finden. Doch davon sollte man sich nicht aufhalten lassen.

Nachtrag: Lehrabschluss trotz Corona-Krise

Das gemeinsame Lernen für die Lehrabschlussprüfung hat sich ausgezahlt. Mittlerweile haben Urs und sein Sohn den Abschluss in der Tasche. Die Prüfung haben sie erfolgreich während der Corona-Krise gemeistert und damit einmal mehr bewiesen – wo ein Wille, da ein Weg. Wir gratulieren den beiden recht herzlich!

WKO Tourismus - Image
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